Eine Alltagssituation, tausend Gedanken

Liebes Tagebuch,

heute schreibe ich Dir mal einen realen Ausschnitt aus meinem Leben und damit eine konkrete Situation meines Alltags und den dazugehörigen Gedanken.

Ich komme gerade von einem Arzttermin und mag Dir gerade mal erzählen, wie überfüllt meine Gedankenwelt sogar bei sowas eingerichtet ist.

Ich mache mich auf den Weg zur Praxis, bei weitem viel zu früh für den eigentlichen Termin. Es könnte ja irgendwas unvorhergesehen passieren, dazwischenkommen, was mich doch noch verspäten lassen würde. Darauf will ich immer vorbereitet sein und zu spät kommen kommt für mich nicht in Frage. Jemanden warten lassen erstrecht nicht.

Ich bin auf dem Weg und überlege mir wie ich mich gedanklich am besten auf den bevorstehenden Termin vorbereite. Ich lege mir Aussagen im Kopf zurecht, um den Arzt schnellstmöglich zu informieren, ohne seine Zeit zu lange zu beanspruchen. Ich formuliere gedanklich schon Sätze, die ich unbedingt sagen muss, um alles Notwendige auf den Punkt zu bringen. Das fiel mir schon immer schwer, etwas auf den Punkt zu bringen. Nicht nur im Arzt-Zusammenhang. Warum eigentlich? Jemand der so viel denkt müsste doch schon alle Varianten des Auf-den-Punkt-Bringens durchdacht haben und es deshalb mittlerweile drauf haben, oder?

Hoffentlich kommen meine zurechtgelegten Formulierungen genau so nachher auch raus. Was, wenn er mich etwas fragt, was ich nicht genau weiß? Was, wenn ich nicht glaubwürdig rüber komme? Was ist, wenn ich wieder das Gefühl bekomme, dass er mir nicht richtig zuhört, wie ich es leider des Öfteren bei Ärzten empfand, während sie ihre Routinefragen durchratterten, nachdem sie ein bestimmtes Stichwort dazu von mir in meinem ersten Satz aufschnappten. Ich muss direkt sagen, was die Problematik ist, damit können die bestimmt am besten was anfangen und dann brauchen wir auch nicht so lange. Ich will ja keinem die Zeit stehlen. Nicht dem Arzt und schon gar nicht dem nächsten Patienten, denn vielleicht geht es dem schlechter als mir.

Auf dem Weg werfe ich alle paar Minuten einen Blick auf mein Handy, obwohl ich genau weiß, wie viel Uhr es ist, da sich die letzten zwei Minuten wohl kaum ein Sprung in der Zeit ergeben hat.

Ist die Praxis überhaupt die richtige? Oh Gott, er wird bestimmt wieder fragen wer mein Hausarzt ist. Ja, wer ist denn mein Hausarzt? Wenn Du noch nicht ewig in einer neuen Stadt wohnst, hast du da so etwas nicht. Die Frage überfordert mich schon immer. Auch „zu Hause“ hatte ich durch zahlreiche Umzüge eigentlich nie so Recht diesen EINEN Hausarzt. Diesen einen, der dich quasi von klein auf kennt (oder zumindest Deine Krankengeschichte inklusive aller Wehwehchen). Man, muss das entspannt sein. Hat bestimmt was. So muss man nicht andauernd wieder Fetzen aus der Biografie oder der Krankengeschichte hervorkramen um es dem neuen zu präsentieren. Wie wird man überhaupt „der Hausarzt“? Suche ich mir einen aus? Ist das einfach der, der in der Nähe ist?

Ich schaue nun zum dritten Mal in meiner Tasche nach um sicherzugehen, dass ich meine Krankenkassen-Karte auch wirklich dabei habe, obwohl ich sie schon zu Hause extra in das kleine Fach im Inneren meiner Tasche gesteckt habe, um sie auf Anhieb zu finden. Um niemanden lange warten zu lassen. Ich will ja gut vorbereitet sein. Als Erinnerung: für einen Arzttermin!

Hoffentlich ist er freundlich, hoffentlich kompetent und vor allem: hoffentlich gibt er mir nicht dieses klassische „Abfertigungs-Gefühl“ als Patient. Da sind Ärzte leider manchmal gut drin. Und ich, ich reagiere da dann hochsensibel drauf und zwar mit dem Gefühl, am besten ganz schnell wieder raus zu kommen, da ich daraus schließe, dass er zu viel Arbeit hat und sich mit mir nicht lange aufhalten möchte. Ich bekomme dann den Drang, es ihm als Arzt noch einfacher zu machen. Das heißt dann im Einzelnen: Ich lasse die Hälfte vom eigentlichen Thema weg und möchte in bestmöglicherweise kooperieren. Ich mache das, obwohl ich mich anschließend ärgere und zweifele, ob er alles wirklich verstanden hat und ich demnach eine sinnvolle Beratung erhalten habe.

Gut, dass ich nicht das Anliegen nach einem Attest habe, denn das ist auch sowas wo ich immer das Gefühl habe, dass ich nicht darum bitten darf, sonden es mir in dem kurzen Gespräch rechtfertigen und erarbeiten muss, in der stillen Hoffnung, dass er es mir irgendwann anbietet, sodass ich erwidern kann: „Ja, hm.. ok, aber nicht so viele Tage!“

Ich weiß noch, als ich mal mitbekam, wie jemand zum Arzt ging und direkt (am besten schon am Empfang) genau danach fragte, war ich ganz verdutzt.

Ich schaue auf das Schild an der Praxis, lese langsam den eingravierten Namen meines Arztes noch einmal. Könnte ja sein, ich habe ihn bisher immer falsch verstanden.

Wenn ich den Arzt, den ich gleich kennenlerne, jetzt exklusiv als meinen Hausarzt will, weil ich mich wohlfühle, muss ich ihm dann dazu die eine verbindliche Frage stellen? So wie: Hey, Herr Dr. W., möchten Sie nicht mein Hausarzt sein? Oder entscheide ich das einfach still und heimlich und suche dann bei Beschwerden einfach immer diese Praxis auf?

Einige Minuten zu früh komme ich in die Praxis hinein und stelle mir im Treppenhaus folgendes vor: Was, wenn ich mir den Termin falsch aufgeschrieben habe? Wie peinlich! Vielleicht war er viel früher? Darf ich dann dennoch bleiben?

War er natürich nicht, ich habe es mir ja bei der Terminvergabe DIREKT aufgeschrieben. Ich melde mich bei der Medizinischen Fachangstellen an, Krankenkassen-Karte schon vorsorglich aus der Tasche geholt. Sie bittet mich im Wartezimmer Platz zu nehmen.

Ich grinse in die Runde der anderen Patienten, sage „Hallo“ und setze mich auf einen der freien Plätze. Merkwürdige Situation und merkwürdige Atmosphäre diese Wartezimmer mit anderen Personen zusammen. Es ist es absolut still, trotz vieler Personen in einem Raum. Ab und zu rascheln mal Zeitschriften, hin und wieder ein Niesen oder Husten von einem und immer mal wieder ein kleines „Hallo“ von einem Teil von uns und dem Neuen, falls einer zu uns kommt. Gut, dass ich keinen Husten habe. Ich mag es nicht, hier drin in diese Stille hinein zu husten. Man will ja nicht auffallen. Beim Betrachten der anderen überlege ich: wer kommt wohl wann dran? Wer als nächstes? Vielleicht der, der am meisten krank aussieht, weil der es am nötigsten hat? Wer sieht am meisten krank aus? Kann man das sehen? Wer hier wohl einen Termin hat und wer nicht? Wie sehen die Vorher-Termin-abmachen-Patienten aus und wie die, die einfach zur Sprechstunde kommen? Gedanklich gehe ich nochmal durch was ich gleich dem Arzt sagen möchte. Ich streiche einige Aussagen doch komplett und formuliere die übrigen nochmal um.

Ich finde es im Wartezimmer deshalb komisch, weil ich dort sitze, mit all den anderen Personen, jeder einen anderen Grund für sein Auftauchen in dieser Praxis und jeder ein anderes Leben und jetzt gerade kreuzen sich die Wege für einige Minuten.

Ein Raum, eine gemeinsame Situation, alle eine andere Ursachen für diese. Und vor allem: Jeder sitzt dort, ganz ruhig, aber jeder mit seinen eigenen Gedanken. Ich schaue noch ein paar Mal auf die Uhr. Wahrscheinlich wäre es total egal gewesen, wenn ich nicht so pünktlich gekommen wäre. Aber manchmal denke ich, vielleicht hat sich was verschoben und dann kann ich durch mein Früher-Auftauchen vielleicht schneller drankommen. Vorbereitet will ich halt sein, am besten auch für das Unvorhersehbare.

Ich schaue in die Runde, aber schnell wieder vor mich, damit es nicht so auffällt und sich niemand gestört fühlt beim Warte-Feeling. Ich überlege, was jeder einzelne hier jetzt wohl gerade denkt. Ich stelle mir bildlich diese comicartigen Gedankenblasen über jedem meiner Mitwarter vor. Wie gefüllt die wohl jetzt gerade wären? Würden die überhaupt alle hier ins Zimmer passen, wenn man sie sehen könnte? Bestimmt ist meine am größten. Vielleicht würde meine den ganzen Raum schon alleine einnehmen, ist vielleicht so groß wie die Gedanken aller anderen zusammen. Ich werde es wohl nie rausfinden.

Die Medizinische Fachangestellte kommt herein. Herr K. wird aufgerufen. Was der wohl hat? Der sieht doch topfit aus. So, einer weniger und ein paar weniger Gedanken in diesem Raum. Falls Herr K. überhaupt raumfüllende Gedanken gehabt hat. Mit welchen Gedanken überbrücken wohl die anderen diese Situation?

Einer der Ärzte kommt herein und bittet Frau S. zu sich ins Behandlungszimmer Nr. 1.

Warum wird sie direkt vom Arzt geholt? Wann ruft der Arzt persönlich auf und wann die MFA? Ob ich als nächstes dran bin? Ich überlege auf mein Handy zu schauen. Wenn ich als nächstes dran bin, werde ich vom Arzt direkt aufgerufen oder holt mich die MFA? Ich könnte mein Handy rausholen und die Nachricht beantworten, die ich im Wahtsapp noch nicht beantwortet habe, allerdings schon gelesen und mir die Amtwort schon im Kopf rumschwirrt. Ich möchte nicht, dass der Empfänger denkt, ich würde mich nicht melden. Wie ich das hasse! Das ist auch der Grund warum ich manchmal Whatsapp einfach lieber gar nicht öffne.

Wenn der Arzt jetzt reinkommt und mich rausruft, was denkt er dann? Was denkt er, wenn er mich dann am Handy sieht? Bestimmt: Typisch, in jeder freien Minute am Handy hängen. Manchmal male ich mir aus, dass der Arzt das vielleicht super unsympathisch findet und deshalb voreingenommen ist, durch das erste Anschauen vom folgenden Patienten, in dem Fall mich, und dass so ein kleines Detail dann gleich negativ auffällt. Eben weil dieser Arzt zufällig zu der bewertenden Fraktion „Oh man, diese Handy-Generation“ angehört. Möglicherweise ist er dann voreingenommen, wenn er mich direkt so sieht, das wirkt sich das dann negativ auf seine Laune aus und damit dann auf seine Behandlung. Ich lasse das Handy also in der Tasche.

8 Minuten später öffnet sich die Tür erneut und nun werde ich von der MFA aufgerufen. Sie bleibt mit einem Bein im Vorraum stehen und schaut mich nicht mal an. Sie hätte also nicht mal wahrnehmen können, ob ich meine letzten Sekunden vor dem Jetzt-gehts-los-Aufruf  nun mit Handy vor der Nase oder ohne verbringe.

Sie führt mich in Behandlungszimmer Nr.3 , dort lässt sie mich noch einmal alleine zurück. Mein Blick schweift durch den Raum. Diese wenigen Minuten, die man dann schon im Behandlungszimmer sitzt, ohne Arzt, finde ich auch immer lustig. Sich schon mal ganz privat mit dem Raum plus Inventar anfreunden, in dem man gleich untersucht wird. In aller Ruhe aber dennoch mit dem Wissen: Jede Sekunde kann die Tür aufgerissen werden und das ganz private erste Kennelernen zwischen der Liege, dem Schreibtisch und dir, wird abgebrochen. Was der Arzt wohl die kurze Zeitspanne zwischen dem letzten Patient und mir macht? Ich gehe die Möglichkeiten durch, die mir in den Sinn kommen. Ob mein Arzt vielleicht kurz die Augen schließt und dreimal tief durchatmet, um runterzufahren und um sich ganz auf den nächsten Patienten einlassen zu können oder einfach wohl doch nur noch schnell etwas in der Anamnese der letzten Patienten-Akte kritzelt (oder tippt)? Mir fallen noch ein paar andere Optionen ein, die ich im Kopf durchspiele. Parallel fange ich an die letzten mir verbleibenden Augenblicke zu nutzen, um mir nochmal ausgiebig Gedanken darüber zu machen, wie ich es gleich schaffen kann die bestmögliche Version eines Patienten für einen Arzt darstellen zu können. Kompetenter in meiner Patientenrolle als alle Patienten jemals zuvor..

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