Meine Momentaufnahmen

Ein Moment. Viele Aufnahmen. Alle abgeändert.

Liebes Tagebuch,

überall geht es um den Wunsch nach Achtsamkeit und darum zu lernen im Hier und Jetzt anzukommen. Aber welchen Umgang pflegen wir mit unseren vielen kleinen Momenten? Igrendwie passt da etwas nicht zusammen.

Es ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Scrollt man sich durch Instagram und Co, ahnt man bei jedem zweiten Foto, dass diese Aufnahme keine „Zufallsaufnahme“ gewesen ist.  Selbst bei Aufnahmen untermauert mit den Hashtags „formorereality“ oder „morerealityoninstagram“ etc. habe ich mittlerweile Zweifel daran, ob die Aufnahmen die ja ach so spontan das „Reallife“ darstellen sollen, dies auch wirklich als Momentaufnahme tun.

Stattdessen ahne ich, dass auch für diese eine „Momentaufnahme“ meist 133 Fotos geschossen, 22 Mal die Kamera für das richtige Lichtverhältnis, passend zur eigenen Haut- und Augenfarbe gedreht, 13 Mal zwischen Front- und Hauptkamera gewechselt, 17 Mal die eigene Körperposition um wenige Zentimeter verändert und 21 unterschiedliche Gesichtszüge ausprobiert wurden. All das um anschließend kritisch die Minimalveränderungen von Foto zu Foto zu beäugen. Natürlich nicht mit den eigenen Augen, sondern mit denen des späteren Betrachters und denen, die gerade durch das aktuelle Schönheitsideal geformt worden sind.

Kritisches Aussortieren. Dieser Vorgang geschieht mittlerweile innerhalb weniger Sekunden. Aussortieren geht super schnell. Darin sind wir geübt. Sich selbst aussortieren. Oder das, was noch von einem übrig ist.

Hat man dann ein Foto entdeckt, reicht das meistens nicht einmal aus. Es ist nur ein Foto, in dem man Potenzial sieht, um etwas daraus zu machen. Um etwas aus sich und dem eigentlichen Moment zu machen. Heißt im Einzelnen: die Aufnahme schaut aus, als kann man sie mit dem richtigen Filter bedecken und somit das perfekte Foto schaffen. Die perfekte Momentaufnahme kreieren. Die Bezeichnung dürfte es hierfür eigentlich schon nicht mehr geben.

Es ist kein wahrer Moment, den man auswählt. Vielleicht war es zu Beginn, beim ersten Foto schießen einer. Aber dann hat man sich und dazu den Moment so umgewandelt, dass man denkt, man gefällt, indem man am besten zur Geltung kommt.

Was heißt hier zur Geltung kommen? „Geltung“ kommt von „Gültigkeit“. Man möchte also seine eigene Gültigkeit unterstreichen. Die Gültigkeit für seine Existenz. Für die Existenz in seinem Social-Media-Account, die Gültigkeit für das Auftauchen in den Feeds der Follower. Letztendlich teilweise die eigene Gültigkeit in den Feeds des Lebens. Die Rechtfertigung für unsere Gültigkeit.

Doch das tun wir nicht. Wir tun es nicht durch uns. Stattdessen versuchen wir es durch unser eigenes In-Szene-Setzen. Wir tun es durch das Endprodukt aus Aussortieren und Filtersetzen. Dabei hätten wir durch dieses wahre, spontane Ich vielleicht wirklich die Chance auf Individualität in diesem Moment gehabt?

Was machen wir da also mit den Momentaufnahmen aus unserem Leben? Wir nehmen sie auseinander, bearbeiten, verzerren, zerstückeln und filtern sie. Genauso die dazugehörigen Gedanken und Erinnerungen.U

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