Mein Versuch mich sicher zu fühlen: Kontrolle

Liebes Tagebuch,

Ich stehe auf einem Berg. Dem Berg des Hier und Jetzt. Ich stehe dort oben, im Hier und Jetzt. Von dort aus schaue ich nicht vor mich. Nicht vor mich, nicht auf meine Füße, nicht auf den Boden um mich herum. Ich würdige meiner Umgebung oft nur ein geringes Maß an Blicken. Ich schaue nach unten, vor den Berg. Ich schaue in die Ferne. So weit, wie es mir möglich ist. Ich schaue auf den Weg vor mir. Es ist der Weg, der endlos weit verläuft und für den ich mich, glaube ich, entschieden habe. In diesen Momenten glaube ich wirklich daran, dass ich mich entschieden habe. Aber ich habe Angst. Ich habe Angst vor dem Unkontrollierbaren. Ich habe Angst vor all den Dingen, die so oft eintraten, mit denen ich im Jetzt nicht gerechnet hatte. Ich habe Angst, vor dem Einwirken der Umstände, an die ich jetzt noch nicht mal denken kann. So sehr ich mich anstrenge. Die ich jetzt, in meinem Ich-Zustand mit meinem Kopf und meinen Gedanken nicht mal erahnen kann. Ich habe Angst vor dem, was unerwartet aufkommt. Ich habe Angst, vor der Macht dieser Geschehnisse, Umstände und Begebenheiten, alleine schon dadurch, dass ich keine Macht über diese habe. Weil diese Begebenheiten schon alleine dadurch einen Machtvorteil gegenüber mir haben, dass ich sie im Jetzt nicht erfassen kann.

Ich versuche mit allen Mitteln dieses Machtgefälle zu minimieren. Ich versuche es mit allen Mitteln, die mir im Jetzt verfügbar sind. Welche Mittel sind das? Oder eher, welche Mittel glaube ich zu haben? Es sind immer dieselben von denen ich glaube, sie könnten mich retten. Durchdenken aller Geschehnisse im Jetzt, aller Begebenheiten im Jetzt, um mit diesen agieren zu können, um erst mal kurz im Jetzt sicher zu sein durch das Durchdenken aller Eventualitäten, die kommen könnten. Ich möchte mir dadurch Sicherheit erschaffen.

Im Jetzt mache ich also nichts anderes als versuchen mich für jetzt abzusichern und anschließend für die Zukunft. Ich stehe auf dem Jetzt-Berg und greife erst zu allen Mitteln, um mich hier oben, im Jetzt so sicher zu fühlen, wie es nur geht. So sicher, dass ich zum nächsten Mittel greifen kann. Meinem eigenen erlernten Mittel zur gefühlten Absicherung meiner Zukunft. Sobald ich mich in diesem Jetzt sicher genug fühle, ich mich in diesem so eingerichtet habe, um es für eine Weile zu verlassen, greife ich zu meinen Mitteln zur gefühlten Absicherung der Zukunft.

Ich schaue vom Berg, vom Jetzt vor mich. Auf den Weg, der vor mir liegt. Nicht nur auf diesen. Ich habe ein Fernglas dabei und schaue mir den Weg vor mir an, alle Wege daneben und versuche zu erkennen was für Hindernisse auf ihnen warten können. Teilweise erkenne ich sie und teilweise sind sie so weit weg, dass ich sie trotz Fernglas gar nicht identifizieren kann. Ich schwenke hin und her, zwischen dem Weg, den ich gehen will und den Wegen, die rechts und links daneben liegen. Ich befasse mich auch mit diesen, denn mein Wunsch nach dem Vorbereitet-Sein geht so weit, dass ich für meinen Wunsch nach Sicherheit, auch mit einplane, dass es sein könnte, dass ich zwar jetzt sicher bin mit meiner Entscheidung für einen Weg aber dann durch Einwirken der Umstände und meiner eventuellen Persönlichkeitsentwicklung, bis ich dort bin, einen anderen Weg einschlagen werde. Daher gehört, um absolut vorbereitet zu sein, auch der Blick und das jetzige Einschätzen der anderen möglichen Wege und deren Gefahren dazu, selbst wenn ich sie nicht mal richtig erkennen kann. Dazu gehört das Durchdenken der Gefahren, die ich nicht sehe, die ich nicht mal schemenhaft mit meinem Fernglas erblicken kann.

Ich mache das für mich und für die Konfrontation mit anderen Menschen, für das In-Beziehung-Gehen bedeutet das: Das ständige Überprüfen wie es dem anderen geht, in welchen Zustand er ist um zu wissen wie ich mit ihm umgehen soll. Der Versuch des Durchdenken und Einfühlen in den Zustand, in dem er sich jetzt befindet und auch das Durchdenken jeder kommenden Situationen, so gut wie möglich. Einbezogen sind hierbei auch die Begebenheiten, die er eventuell jetzt nicht mal absehen kann. Auch die Veränderungen. Ja, vor allem die Veränderungen. Das Durchdenken oder dann eher Erahnen dieser und gedankliche Durchspielen erweckt in mir das Gefühl von Sicherheit. Je mehr Möglichkeiten ich durchdenke, desto sicherer kann ich sein. Nach meiner Logik schwinden dann nämlich die unvorhersehbaren Möglichkeiten, die mir Angst machen und mein Sicherheitsgefühl gefährden könnten.

Mein Harmoniegefühl spielt dabei eine ganz große Rolle. Ich glaube, Harmonie ist sogar mein Messwert, mein Richtwert für die Sicherheit im Jetzt. Ich bin harmoniebedürftig. Nein, eigentlich sogar harmoniesüchtig. Diese Bedürftigkeit spiegelt meinen extremer Wunsch nach Sicherheit wieder. Bemerkt mein inneres Harmoniemessgerät, dass der Sollwert nicht mehr erfüllt wird, dann geht es mir schlecht. Dann bekomme ich Angst, dass mir Entgleiten des Sicherheitsgefühls droht. Dass ich Gefahr laufe nicht mehr sicher zu sein.

Und irgendwie fühlte ich mich immer noch nicht sicher…

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