Mein altes Beziehungsmuster – Morgendliche Stolpersteine

Liebes Tagebuch,

ich fahre in der Regel mit dem Fahrrad zur Arbeit. Es gibt ein kleines Stück, wo kein Fahrradweg am Rande der Straße verläuft, da habe ich um die 700 m auf der allgemeinen Fahrbahn zu fahren. Bis zum Punkt an dem der Straße wieder ein Radweg anknüpft. Ich kann also nach rechts ausscheren und muss über die extra abgesenkte Bordsteinstelle, um auf den Fahrradweg zu gelangen und weiterfahren zu können. Generell habe ich dieses kleine Kindheits-Trauma von diesem ohne genug Schwung von der Straße auf den Bordstein fahren, dabei hängen bleiben und vom Fahrrad zu stürzen. Wirklich passiert ist mir das, glaube ich, nur einmal, aber das ist hängengeblieben. Genau wie dieses andere kleine Trauma. Dieser Moment, in dem einem entweder der Reißverschluss des Anoraks nach oben hin zum Hals zugemacht wird und man mir ein Stück der dünnen Halshaut einklemmte oder eben den mir zu gut bekannten Helm-Zumach-Moment, indem ebenfalls ein Stück Haut mit dem Verschluss erwischt wurde. Diese Momente brannten sich bei mir so ein, dass ich innerlich immer wieder aufs Neue angespannt bin und mich innerlich schon ein bisschen auf den gleich drohenden, ziehenden Schmerz einstelle. Vielleicht klauten diese Momente auch ein kleines bisschen Vertrauen in andere Menschen. Ähnliche Kategorie: der Moment, in dem die kleine Spinne hinterm Bett angeblich von der Mama, in der Hand eingeschlossen, nach draußen getragen wurde und dann plötzlich doch noch im Zimmer saß. Gut, dass ich mir mittlerweile meine Jacken immer selbst zumache und was die Fahrradhelm-Zumach-Momente betrifft – in diese Verlegenheit komme ich nun nicht mehr allzu oft.

Wenn ich nun also, jeden Morgen aufs Neue, von der Fahrbahn auf den Radweg über den Borstein wechseln möchte, kommt da diese extra abgesenkte Stelle. Ich beobachtete mich in den letzten Tagen. Ungelogen, ich beobachtete jeden Tag das gleiche innerliche Gedanken-Schauspiel, verknüpft mit meinen körperlichen Reaktionen. Ich bremse leicht ab und fixiere die ausgewählte Stelle mit meinem Blick zum Überfahren an, um mein Fahrrad dann vorsichtig drüber zu lenken. Jeden Tag dieselbe Stelle. Als ob sie an diesem Morgen, dieses Mal doch höher sein könnte. Als ob sich über Nacht etwas verändert haben könnte. Als ob etwas, was immer gleich ist, an diesem Morgen, warum auch immer, für mich doch schwieriger zu überwinden sein könnte.

Genau das Muster erkenne ich bei mir in Beziehungen. Ich beobachte ein und dieselbe, leicht zu bewältigende Situation, extra prepariert, um sie so locker zu meistern. Teilweise schon selbst tausend Mal gesehen, erlebt, gemacht und kontrolliere sie dennoch. Ich kontrolliere die Dinge, die funktionieren, bei denen ich täglich sehe, genau wie die Bordsteinkante, dass sie funktionieren, um zu schauen ob sie nicht heute vielleicht doch nicht sicher sind. Um nicht Gefahr zu laufen heute doch zu stürzen. Hingegen aller Logik könnte über Nacht ja eben doch was passiert sein. Sich etwas verändert haben. Und ich möchte nicht fallen. Ich bin ein angepasstes, ständig kontrollierendes Ding. Ständig darauf bedacht, dass ich auf alles einen Blick habe und mir so wenig wie möglich Unvorhergesehenes passieren kann, dass mich aus der Bahn werfen könnte. Ich bin ein alles abcheckendes Nervenbündel. Heimlich in mir drin. Ganz für mich alleine. Damit ich glauben kann, dass ich mich schütze. Mich davor schütze zu fallen. Vom Fahrrad und in meinen Beziehungen.

Ich bin ständig am Kontrollieren, ständig darauf bedacht alles im Blick zu haben, sodass mich nichts aus der Bahn werfen kann, ich mich nicht in Gefahr begebe oder etwas Unvorhergesehenes mir ein unkontrolliertes, nicht sicheres Gefühl geben kann. Dabei stolpere ich seit neustem, eigentlich immer nur über meine Gedanken.

Folge mir auf Instagram: https://www.instagram.com/janapimienta/

0 Kommentare

  • Jeraph

    Hi, ich finde Beitrag gut geschrieben. Und natürlich habe auch die Anspannung, bei diesen kleinen Momenten, beim Lesen gespürt.

    Ich habe dabei ein bissl verstanden, was ich bei mir auch schon bemerkte.

    Nun, da wir aber das Problem kennen, können wir daran arbeiten. Ich wünsche uns viel Erfolg, und dir einen schönen Abend.

    Jeraph

    • JayPe

      Danke für Deinen Kommentar. Das ist ein gutes Gefühl wenn man weiß, dass man nicht alleine ist. Und vor allem, dass man versteht was ich hier versuche abzutippen. Jaa, das ist es. Sich das Ganze bewusst machen ist der erste Schritt um Änderung zu bewirken. Denn letztendlich läuft alles in uns selbst ab. 🙂
      Dir auch einen schönen Abend!

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: