Ist neutral genial? Meine Angst vor Neutralität

Liebes Tagebuch,

Gestern bezeichnete P. auf meine Frage hin, wie er etwas findet, das Ganze als „neutral“. Seit dem bin ich irgendwie total überrascht. Erst bemerkte ich, dass ich selbst noch nie etwas als neutral bezeichnete. Nicht nach außen und nicht mal in mir drin, für mich alleine. Dann wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich das nicht einfach aus Gewohnheit nicht mache. Es ist etwas anderes. Auf der vergeblichen Suche nach etwas, das ich selbst mal als neutral deklarierte, spürte ich zum ersten Mal richtig welche Abneigung ich der Verwendung des Wortes neutral gegenüber habe. Warum habe ich so eine schlechte Verbindung zu neutral?

Ich will niemanden und nichts in neutral bewerten und ich will nichts von mir und nichts an mir neutral bewerten und ich will nicht in neutral bewertet werden.

Ich habe Angst vor neutral.

Ich will in diese Schublade nicht rein. Ich will sie nicht benutzen. Ich will sie nicht mal öffnen. Ich will nichts da reinlegen. Ich will mich in einem neutralen Zustand nicht aufhalten. Ich will den Zustand nicht erleben. Ich will ihn mir nicht mal vorstellen müssen. Alleine da fühle ich mich unwohl. Für mich ist es nicht mal ok als Zwischenstopp auf dem Weg von Schlecht nach Gut im Neutralen auch nur kurz zu halten.

Ich verbinde damit irgendwie nichts Gutes.

Ich verbinde mit neutral: Durschschnitt, Mittelmäßigkeit. Nicht gut genug. Da fehlt was. Da geht noch mehr.

Ich verbinde damit: nicht genug Wert. Nicht genug Aufwand.

Ich verbinde damit: In Maßen. Nicht mehr wollen. Nicht auffallend. Nicht lohnenswert. Nicht entscheiden können. Unmotiviert. Nicht fertig.

Ich verbinde damit: Unbedfriedigend. Ok. Stillstand. Und: die Unfähigkeit Entscheidungen zu treffen.

Ich glaube, dass mir manchmal sogar schlecht lieber ist als neutral.

Was lehne ich denn da so ab an neutral? Warum habe ich denn so Angst davor?

Ich will mich nicht neutral verhalten, ich will andere Leute nicht neutral finden, ich will Verhaltensweisen nicht als neutral beurteilen, ich will keine neutrale Beziehung führen, ich will kein neutrales Leben führen. Ich will neutral nicht fühlen.

P. erklärte mir, was für ihn neutral heiße. Für ihn bedeutet es, dass Du über etwas nicht nachdenken musst. Wenn etwas neutral ist, musst Du keine weitere Energie oder Gedanken darauf verschwenden.

Ich überlege gerade, was es mit mir macht, dass ich neutral nicht leben, denken, ja, nicht mal fühlen will und kann. Ich muss ernsthaft anmerken, dass mir nun auffiel, dass ich neutral nicht nur gänzlich aus meinem Bewertungssystem und meinem Wortschatz, sondern auch komplett aus meinen mir möglichen Gefühlen gestrichen habe. Es kommt da nicht mal vor.

Bewusst wird mir das gerade auch in Situationen, in denen ich versuche etwas Gutes aus etwas Schlechtem zu verwandeln. Vielleicht scheint es manchmal so schwer, weil ich direkt in das Gute springen will? Neutral übergehe ich. Nein, neutral ist nicht mal da. Ich nicht mal in Erwägung ziehe den Schritt über neutral zu gehen. Nicht mal vorübergehend.

Will ich Ordnung in meinen Gedanken haben, Sicherheit durch Zuordnen zu einer Seite und damit wissen woran ich bin? Denke ich, dass neutral etwas herabsetzt? Oder ist es mein Perfektionismus, der sich mit neutral nicht zufrieden geben will und der wiederum auch nur eine versteckte Tarnung meiner Sicherheitsversuche ist?

Welche Chance hätte ich, wenn ich neutral ab jetzt als Option in mir finden würde? Wenn ich mir den Kopf nicht zerbrechen müsste bis ich weiß ob ich etwas nun gut oder schlecht finde? Wie viel Platz könnte es für etwas anderes schaffen, wenn ich die Neutralität ab jetzt als meinen Freund willkommen heiße? Oder es könnte auch einfach solange als Platzhalter dienen, als Entspannungsoase bis ich weiß wie ich etwas finden will?

Ist neutral vielleicht genial?

6 Kommentare

  • Jeraph

    Guten Morgen, ich finde neutral ist genau der Platzhalter, den du am Ende beschrieben hast. Ich gebe mir Mühe neue Menschen erst einmal als neutral zu bezeichnen. Bis sie in die eine oder andere Richtung ausschlagen.

    Ich dachte bei deinem Beitrag auch an die Chemie. Da ist neutral zum Beispiel beim pH zu finden. Ich würde es da sogar fast mit Harmonie gleichsetzen. Säure und Base sind ausgeglichen. Ich würde es also gar nicht bewerten. Neutral ist halt nicht zu bewerten, dass ist der Witz daran 😉

    (habe heute noch zwei Beiträge von dir gelesen. Hab einiges von mir erkannt, und verstanden, dass es eine ganz normal psychische Reaktion war. Danke, dafür 😁)

    Ich wünsche dir einen schönen Tag!

    Liebe Grüße
    Jeraph

    • Jana Pimienta

      Hey, ich habe mich richtig über Deinen Kommentar gefreut.
      Wie machst Du das, machst Du es Dir zu Beginn einfach bewusster?
      Ich versuche das neuerdings. Erst mal neutral zu empfinden.

      Es ist so spannend Deine Gedanken dazu zu hören. 🙂
      Dein Vergleich mit der Chemie ist super! Denn letztendlich ist das notwendig, um ein Gleichgewicht zu haben.
      Und Stimmt, letztendlich falle ich da ja gerade wieder in die Bewertung, auch durch meinen Text. 🙂

      • Jeraph

        *lächelt* freut mich das mein Kommi für dich interessant war.

        Hmm, das ist eine gute Frage wie ich das mache. Ich denke begonnen habe ich damit, dass ich mich bemüht habe mir eine offene Körperhaltung anzugewöhnen. Dadurch haben sich auch meine Gedanken verändert.

        Ich glaube das war mein erster Schritt. 😉

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