Mein Versuch mich sicher zu fühlen: Anerkennung

Liebes Tagebuch,

Blättere ich durch meine alten Tagebücher, dann wird mir ganz komisch. Wahrscheinlich weil sich beim Lesen mein blöder Verdacht bestätigt. Lese ich diese Einträge, möchte ich abwechselnd mit dem Kopf schütteln oder direkt mein vergangenes Ich. Aber meistens möchte ich es einfach in den Arm nehmen und ihm sagen: „Das, was Du hier machst, brauchst Du gar nicht…“

In all meinen Tagebüchern definiere ich mich zu 90 Prozent über das, was andere von mir halten. Über Beziehungen, Freundschaften und die Männer. Zwischen all diesen Kontakten, Treffen, Gesprächen, suchte ich Bestätigung und Anerkennung. Ich suchte nicht danach, ich betrieb einen hohen Aufwand, um regelmäßig mit Anerkennung abgedeckt zu sein. Damit ich mich sicher fühlte.

Über den größten Teil meines Lebens war ich regelrecht süchtig nach Komplimenten, Lob und Anerkennung in jeglicher Form. Teilweise verhielt ich mich wie ein Drogenabhängiger. Verständlich, denn schließlich hing mein Sicherheitsgefühl und damit meine Existenz von dieser Anerkennungsbeschaffung ab. Ich war abhängig. Abgedeckt und damit gefühlt sicher, war ich meistens nur für kurze Zeit. Bis mein Körper und mein Kopf den aufwendig beschafften Stoff wieder abgebaut hatten. So hielt die Reaktion oft nur für wenige Momente. Dementsprechend ging es dann weiter mit meinem Aufwand. Ich litt unter enormem Druck. Erst durch die ständige Beschaffung dieser Komplimente oder Zuneigungsbekundungen, danach, mindestens doppelt so viel, aus Angst die erworbene Zuneigung wieder zu verlieren. Es war ein Teufelskreis. Erst betrieb ich unvorstellbar großen Aufwand, damit niemand mich ablehnte und dann noch größeren Aufwand, aus Angst, ich könnte diese Anerkennung wieder verlieren.

Zusammenfassend kann man die Tragik meiner ersten 26 Lebensjahre als totale Angst vor Ablehnung vermischt mit einem extremen Bedürfnis nach ungeteilter Aufmerksamkeit beschreiben. Um mein Anerkennungskonto stets aufzufüllen.

Ich frage mich gerade wie ich es überhaupt schaffte, neben dieser ständigen Beschaffung meines Suchtmittels, in all den Jahren tatsächlich irgendetwas fertig zu kriegen. Für etwas, das aber irgendwie nie wirklich funktionierte oder etwas blieb. Vor allem nicht in der Langezeitrechnung.

Und irgendwie fühlte ich mich immer noch nicht sicher…

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