Mein Versuch mich sicher zu fühlen: Anpassung

Liebes Tagebuch,

„Man merkt so richtig, dass Du Dich voll für jeden Menschen interessierst!“, sagt L. zu mir, nachdem wir die Gruppenarbeit beenden. Ich grinse freundlich und nicke ihr irgendwie ein bisschen zustimmend zu während ich überlege das wievielte Mal ich diese Aussage nun höre. In dieser oder einer ähnlichen Version. Und warum ich eigentlich nicke.

Ja, das stimmt. Ich interessiere mich für Menschen. Ich studiere sogar eine der vielen Wissenschaften, die sich mit Menschen beschäftigt, denn vor allem interessiere ich mich für alles, was in einem Menschen vorgeht.

Dieses Interesse nimmt manchmal ein so großes Ausmaß an, dass es unangenehm werden kann. Nicht für die anderen. Für mich. Wie alles, was exzessiv betrieben wird irgendwann auch unangenehm werden kann oder gar ungesund. Genau hier steige ich gerade mal ein. Denn der Grund, warum ich mich so sehr dafür interessiere ist mindestens genauso unangenehm.

Ich habe solche Angst nicht sicher zu sein. Damit meine ich, dass ich solche Angst habe, dass mir etwas Schlimmes passiert. Ich habe solche Angst, dass ich nicht angepasst genug bin und demnach Beziehungen verliere. Und seit neustem habe ich zusätzlich Angst, dass alles, was ich aufgebaut habe nur funktioniert weil ich angepasst war. Weil ich Rücksicht nehme. Weil ich heimlich und innerlich mehr gegeben habe. Weil ich die Lage abcheckte, den Menschen abcheckte und merkte: Der braucht das und jenes oder: da muss ich aufpassen. Und das tat ich dann. Ich passte auf.

Ich passte auf und mich an.

Ich erarbeitete mir über 26 Jahre ein Modell, was anstandslos anspringt, sobald ich es mit Menschen zu tun habe. Sobald ich mit Menschen in der Außenwelt konfrontiert werde. In vielen Aspekten überschneiden sich hier auch meine Modelle Anpassung, Kontrolle und Anerkennung.

Mein Modell beinhaltet akribische Feinarbeit meinerseits und das zumeist parallel in verschiedenen Bereichen. Dazu gehört als erstes das große Interesse an dem anderen. Ich will ihn so gut es geht kennenlernen, um ihn einschätzen zu können. Um mit ihm umgehen zu können und gewappnet zu sein, für weitere Konfrontationen. Daneben bin ich wie ein Detektiv auf der Suche nach gefährlichen Themen, die mein Gegenüber stressen könnten, um auch vor denen auf der Hut zu sein. Ich versuche zu erkennen, was ihn oder sie stressen könnte, um es ihm abzunehmen oder um zumindest vorbereitet zu sein. Ich suche nach den Eigenschaften, die derjenige nicht hat oder für mich nicht zeigt und versuche diese durch mich zu füllen oder zu kompensieren. Wenn es etwas ist, was mir fehlt, versuche ich an mir zu drehen, mich zu ändern. Damit es nicht auffällt. Mich anzupassen.

Ich passte auf und mich an.

Zu meinem Versuch gehörte auch das schnelle Durchblicken des Setting und, falls ich mit mehreren Personen konfrontiert bin, der Gruppendynamik und der Rollenverteilung. Der Versuch die einzelnen Persönlichkeiten so schnell es geht einschätzen zu können. Dazu gehörte auch der Versuch Probleme oder schwierige Situation als Erste zu erkennen. Um mir Zeit zu verschaffen, in der ich mich wappnen kann oder um größeren Schaden abwehren zu können. Das ging so weit, dass ich versuchte so aufmerksam zu sein, dass ich mir antrainiert habe zu versuchen, schon die kleinsten Frühwarnzeichen für einen Streit wahrzunehmen. Weil ich dachte, dass ich mir damit einen Machtvorteil verschaffe.

Ich passte auf und mich an.

Wenn ich mein Leben so betrachte, hatte man es super leicht mit mir. Ich bin so was von hammermäßig angepasst. Und das in wechselnden Situationen und Settings. Gut möglich, dass ich für diese Leistung eine Auszeichnung verdient hätte oder zumindest eine Urkunde. Es ist diese unerschütterliche und unaufhörliche Aufmerksamkeitsgabe, dieses alles im Blick haben, dass es für die anderen echt genial sein muss sich mit mir zu umgeben. Ich habe nämlich nicht nur Angst vor Situationen, in denen mir etwas peinlich werden könnte oder Unsicherheit hervorrufen könnten und versuche diese zu umgehen, nein, ich will so sehr alles in die Wege leiten, dass auch ja nichts passieren kann, was den anderen unangenehm sein könnte. Das geht soweit, dass ich sogar versuche mit einzubeziehen was dem anderen peinlich oder unangenehm sein könnte, obwohl es das für mich nicht wäre und möchte alles daran setzen, dass demjenigen das nicht passiert.

Ich passte auf und mich an.

Es fühlt sich an als wurde ich mit jedem weiteren Lebensjahr sensibler für alles und jeden. Es fühlt sich an als entwickelte ich immer mehr Sensoren. Um so wachsam zu sein, wie es nur ging. Um so empathisch sein zu können, wie nur irgendwie möglich. Alles für den Versuch mich so krass jedem anpassen zu können, wie möglich. Alles mit dem Versuch und der Hoffnung dadurch sicher zu sein.

Ich passe höllisch auf und mich an.

Ich kriege schon Kopfschmerzen, wenn ich das hier nur niederschreibe.
Und irgendwie fühlte ich mich immer noch nicht sicher…

Ja, das stimmt. Ich interessiere mich für Menschen. Gerade interessiere ich mich für einen Menschen ganz besonders. Vor allem interessiere ich mich für das, was innen passiert. Ich interessiere mich für mich.


9 Kommentare

  • Jeraph

    Hi!

    Ich erkenne mich mal wieder in deinem Text. Vor Jahren stellte ich mir auch die Frage ob mein Leben wirklich meine ist, da ich mich auch ähnlich anpasse. Dann bemerkte ich die gleiche Angst wie du. Ich merkte das sie mir einiges kaputt macht. Denn ich mochte mich unangepasst ziemlich gern. Dann hörte ich zwar dauernd Sätze wie „du bist verrückt!“ in sämtlichen Varianten. Aber die Leute meinten das keineswegs böse. Das musste ich aber erst mal verstehen. Als das passierte merkte ich, dass ich nicht immer angepasst sein muss. Meinen Sensoren sind noch immer sehr viel feiner eingestellt als die der andren, aber manchmal schaue ich den Menschen zu wie sie langsam den Weg spazieren den ich zuvor gerannt bin. Dann erkenne ich auch, dass ich manchmal lieber schlendern sollte. Oder ne, eher ich DARF das. Ich habe mir das Gefühl von Sicherheit erarbeitet, auch wenn ich weiß, dass es eigentlich nur eine Illusion ist. 😉

    Liebe Grüße
    Jeraph

    • Jana Pimienta

      Hey Du!

      Wie schön, dass Du Dich wieder erkennst. Das mit dem lieber mal schlendern, ist eine gute Anmerkung! Danke für Deine Erfahrungen und Deine Offenheit! 🙂 Was würdest Du sagen ist es, was Dir jetzt Sicherheit gibt?

      Herzliche Grüße
      Jana

  • Jeraph

    Hi, erst mal sorry, für die vielen Rechtschreibfehler. Der Anfang sollte komplett in der Vergangenheit stehen. 😉

    Jetzt zur Antwort.😊 Das was mir Sicherheit gibt ist in mir drin. Ich habe wieder Vertrauen zu mir. Ich habe viele schwere Situationen überstanden und ich habe gelernt das das meine Entscheidung ist. Das versuche ich ja auch hier immer zu vermittelten. Es ist nichts von außen das mir Sicherheit geben kann.

    Und ich gebe mir jetzt ähnliche „Rechte“ wie ich sie anderen gebe. Ich schätze andere so wie sie sind und das Recht gestehe ich mir nun auch zu. Deshalb darf ich unangepasst sein, es ist von mir sogar erwünscht. Ich habe mich dazu entschieden das Unicum zu sein das ich bin. Das alles gibt mir die Sicherheit, die ich brauche, um ich zu sein. Verrückt, quirlig, energiegeladen und so Vieles mehr.

    Ein Spruch den ich oft gehört gäbe zum

  • Jeraph

    Toll… 😶

    Hab mich verklickt.

    Egal, Fehler gehören dazu. Also den Spruch den ich oft in meinem inneren hörte war :

    „du siehst die Welt mit deinen Augen, auf deine eigene Weise, doch wenn du dich anpasst sieht niemand die Welt mehr auf genau diese Weise, Und das wäre ein Verlust für die Welt.

    Joa, wir schreiben ja nie über Fragen die in 2 Sätzen beantwortet sind.

    Ich hoffe sie Antwort konnte die iwie helfen. Ich neige „manchmal“ zu Abschweifung😇

    Liebe Grüße
    Jeraph

    (p. S. Wenn du willst, kannst du sie Kommis auch zusammenfügen 😉)

    • Jana Pimienta

      Das macht doch gar nichts, das ist klar, dass man Fehler macht, wenn man direkt abtippt. Mache ich auch ..

      Danke für Deine Offenheit. Darin erkenne ich mich auch.
      Auch dieses Wissen: Jeder hat seine eigenes Weltbild. Du wirst keines jemals komplett kennen und keines ist identisch mit Deinem – der Gedanke war lange tröstlich und gab mir Sicherheit (vor allem weil es dann absolut sinnlos ist, sich anzupassen, weil man ja quasi nur denkt, man passt sich an und keiner was davon hat und schon gar nicht Du am Ende des Tages). 😀

      Aber das ist es nicht mehr. Es ist viel mehr. Vor allem der Grundgedanke alles liegt in mir. Alles ist da. Ich habe die Macht und treffe all meine Entscheidungen. EGAL WELCHER UMSTAND. Lebenswichtige und auch im kleinen jeden Tag die, für das was ich fühlen will. Ich trainiere es andauernd. Ich habe das Gefühl, am Anfang hat es zu 99 % des Tages nicht geklappt, das anzuwenden aber mittlerweile bin ich schon bei 97 % 🙂 und die 3 % schaffe ich es mir meine Gedanken bewusst zu machen und auch steuern zu können. Alleine das ist es wert.
      Damit verbinde ich diese „neue Sicherheit“. Wobei sie nicht neu ist. Es ist einfach ein neu entdecktes Modell. Ich glaube, Du weißt wie ich meine. 🙂

      Voll schön auch, wie Du Dich beschreibst und was Dich ausmacht. Das ist so viel wert 🙂

      Herzliche Grüße
      Jana

  • frauflatterherz

    Also ich habe mich auch in deinem Text wiedergefunden 🙂 Wobei ich früher wohl noch deutlich angepasster war und mich selbst mehr zurückgenommen habe.
    Aber während des Lesens habe ich auch ein paar Mal gedacht: Es ist doch auch ein wenig ein Geschlechterunterschied. Frauen sagt man im Allgemeinen häufiger eine gewisse Harmoniebedürftigkeit und Emotionalität nach, wobei letztere wiederum bewirken kann, dass man sich mehr in andere hineinversetzt und es anderen recht machen will. Sicherlich auch, weil man durch die positive Bestätigung, die man dadurch von anderen erhält, sich gut fühlt. Ich will jetzt nicht so tun als wären alle Frauen so und Männer prinzipiell nicht, denn so verallgemeinern kann man es sicher nicht. Ich sag nur, dass es, bedingt durch Erziehung und Rollenbilder, aber vielleicht auch ein wenig durch die Natur der Dinge, schon auch zu einem Teil mit geschlechterspezifischen Unterschieden erklärt werden kann. Da muss ich nur an Schulkinder denken, denn während die Mädchen sich häufig zurücknehmen, anpassen, besonders brav, fleißig, ordentlich und vorbildich sein wollen und auf Konflikte eher sensibel reagieren, sind Jungs da doch häufig nicht ganz so angepasst und brauchen auch ein wenig die Konflikte, um sich auszutesten. Wobei Mädchen und Frauen das durchaus auch tun, aber deutlich unterschwelliger.
    Ich hatte auch mal diesen Punkt, an dem ich mich gefragt habe, ob ich mich nicht zu sehr anpasse. Früher war ich fast ein wenig unsichtbar im Nachhinein. Ich habe aber gleichzeitig das Gefühl, dass ich nicht gegen den Strom schwimmen muss, um einzigartig zu sein. Dass ich mich sehr in andere hineinversetze und auf ihre Bedürfnisse achte, betrachte ich als einen Teil von mir und macht mich vielleicht ebenso einzigartig wie andere, die es sind, weil sie auch völlig verrückte Dinge tun. Ich denke, der Schlüssel liegt letztendlich darin, zu reflektieren, warum man etwas tut oder nicht tut. Etwas zu machen, nur weil es allen anderen entgegen kommt, obwohl man selbst vielleicht furchtbar unglücklich damit ist, ergibt zum Beispiel einfach keinen Sinn. Ich nehme mich da zurück, wo es sich gut für mich anfühlt und ich den Eindruck habe, dass es okay ist und ich vielleicht auch jemandem eine Hilfe damit bin. Und da, wo ich merke, es geht mir eigentlich gegen den Strich, wenn ich zum Beispiel nicht sage, was ich denke oder will, da lasse ich das dann auch nicht. Letztendlich gibt es doch mehr als die beiden Extreme und ich glaube, wie so oft ist ein Mittelweg immer noch der bessere.

    • Jana Pimienta

      Hallo Du,

      Ich habe mich voll über Deinen Kommentar gefreut.
      Du hast Recht. Dieses Verhalten und vor allem auch die Gedanken dazu, finde ich häufiger unter uns Frauen.

      Ich war früher auch sehr viel angepasster. Mir kommen hier dauernd neue Situationen dazu hoch. Die Liste ist lang. Es war praktisch den ganzen Tag über. Ich habe es mal versucht für mich hier darzustellen, wie sowas dann im Alltag aussieht, eine kleine Situation auseinanderzunehmen und vor allem wie stressig das ist:
      https://meinemotionalesbackup.home.blog/2019/03/25/eine-alltagssituation-tausend-gedanken/

      Mein Leben bestand quasi aus einer Aneinanderreihung von diesen angepassten Situation, um ja sicher zu sein..

      Weißt Du wann der Punkt war oder wie Du auf dieses „Umdenken“ kamst?

      Deine Worte tun wirklich gut zu lesen.
      Du verknüpfst sogar verschiedene Gedanken von mir. Denn genau das ist es, was ich versuche: Einen Mittelweg zu finden. Wie schön, dass Du einen guten Weg gefunden zu haben scheinst! Du scheinst Deinen Gefühlen sehr nah zu sein und kannst dadurch gut mit vielen Situationen umgehen und den Weg ausbauen. Nutze das weiter, ich wünsche Dir alles Liebe dabei und freue mich von Dir zu hören. 🙂
      Herzliche Grüße
      Jana

  • frauflatterherz

    Das, was du in deinem verlinkten Eintrag beschreibst, kenne ich nur zu gut von mir selbst. Mein Alltag ist immer noch voll von diesen Momenten. Ich hab manchmal den Eindruck, sensibel auf jede kleinste Veränderung, die ich bei meinen Mitmenschen wahrnehme, zu reagieren und so, wie ich mein eigenes Verhalten ständig analysiere und mich frage, wie es auf andere wirken mag, analysiere ich auch ständig das Verhalten meiner Mitmenschen, um sie ein wenig besser zu verstehen und mich dann besser darauf einstellen zu können.
    Mir ist es sehr wichtig – und sicher auch zu wichtig -, was andere Menschen von mir denken könnten. Mir ist es wichtig, dass mich jeder als angenehm, schlau, sympathisch,… wahrnimmt. Zudem oder vielleicht auch deshalb will ich niemandem Umstände machen, ich will nicht, dass jemand durch mich Probleme oder unangenehme Gefühle durchlebt und lieber nehme ich selbst Nachteile in Kauf als sie einem anderen Menschen aufbrummen zu müssen. Das alles kenne ich nur zu gut.

    Trotzdem bin ich mir sicher, dass mich nicht jeder von außen so sehen oder wahrnehmen wird. Es gibt genug Menschen, die mich als ehrlich und teilweise auch als schonungslos bezeichnen würden. Ich gerate immer wieder in Situationen, in denen Menschen um mich herum lachen oder mich mit offenem Mund anschauen, weil ich etwas sage, was sich alle anderen verkniffen haben. Und diese Situationen sind sehr wichtig für mich, wenngleich ich gleichzeitig immer denke „Oh bitte nehmt mir das jetzt bloß nicht übel, ich will niemanden verletzen“.

    Im Laufe der letzten zehn Jahre hat sich insgesamt wohl vieles sehr relativiert.
    Vor zehn Jahren gab es mal eine Situation, in der ich mit verschiedenen Bekannten aus dem Studentenwohnheim unterwegs war. Anschließend hatte mir jemand im Vertrauen, der nicht dabei war, gesagt, dass man über mich gesagt hätte „Es ist schon okay, dass sie dabei war, aber eigentlich hat es keinen Unterschied gemacht, ob sie dabei ist oder nicht.“ Das war damals keineswegs böse gemeint, da bin ich mir sicher. Es war nur ehrlich. Ich habe quasi kein Wort gesprochen, hab immer nur nett gelächelt und gehofft, dass mich alle mögen würden. Aber damit blieb ich auch farblos und unsichtbar und das wollen die Menschen genauso wenig wie jemanden, der ständig nervt, sich in den Vordergrund drängt oder gegen alles anredet.

    Dabei hab ich ja genauso wie alle anderen Menschen meine Seiten und Meinungen, mit denen ich mich etwas abhebe und nicht völlig angepasst bin. Die hatte ich auch damals schon, nur hatte ich viel zu viel Angst, abgelehnt zu werden und habe mich eben durch diese völlige Angepasstheit sicherer gefühlt. Das wurde zunehmend weniger, auch durch die immer wiederkehrende Erkenntnis, dass mich die Menschen so annehmen und mögen, gerade mit diesen Ecken und Kanten, dass ich das immer mehr zeigen konnte.

    Gerade beim Äußern meiner Meinung hab ich gelernt, dass ich relativ instinktiv schon für mich aussuche, wann es mir gerade wichtig ist, gegen etwas an zu argumentieren oder wann es auch einfach mal gut ist und ich nicht sagen muss, was ich denke. Wie gesagt: der Mittelweg 🙂

    Was ich wirklich lernen musste und sicherlich auch immer noch Tag für Tag lerne, ist, dass es Situationen gibt, in denen es wichtig ist, dass ich mich in den Vordergrund stelle und für mich sage „Meine Bedürfnisse haben gerade Vorrang“. Das heißt nicht, dass ich alle anderen rücksichtslos über den Haufen rennen muss, es heißt nur, dass ich manchmal auch für das einstehen muss, was ich will und brauche, weil es ein anderer für mich eher nicht tun wird und vor allem nicht tun muss. Alle Bedürfnisse sind jederzeit wichtig, trotzdem gibt es Situationen, in denen meine Bedürfnisse gerade drängender sind als andersherum, ebenso wie es Situationen gibt, in denen die anderer drängender sind und es mal nicht um mich geht. Ich meine, es gibt doch auch genug Beispiele von Situationen, in denen Menschen sich nicht so rücksichtsvoll verhalten und das gar nicht merken – da nehme ich mich gar nicht so raus. Ein Klassiker ist wohl, wenn jemand zum Beispiel von seinen Problemen erzählt und einem selbst nichts besseres einfällt als von seinen eigenen Problemen zu erzählen. Das kenne ich sowohl von mir als auch von anderen. Ich denke also: Bei all der Angepasstheit, die ich bei mir oft wahrnehme und vielleicht auch wahrnehmen will, weil ich mich auch gerne als emotionalen, feinfühligen und rücksichtsvollen Menschen sehe und sehen möchte, gibt es auch genug Situationen, in denen ich genau das Gegenteil davon bin. Das gehört vielleicht auch ebenso dazu 😉

    Ich bin mir sicher, du bist schon längst viel mehr auf dem Weg zu deinem persönlichen Mittelweg als du es selbst wahrnimmst. Wer so viel reflektiert, rückt doch ganz automatisch von all diesen Extremen ein wenig ab.

    Liebe Grüße 🙂

    • Jana Pimienta

      😊
      Wow, Danke Dir für Deinen langen Text. Da ist so viel drin, was ich kenne. Was auch ich täglich lebe.
      Angefangen mit diesem „Nicht auffallen“ und was diese Erkenntnis mit einem macht, kenne ich auch. Ich hatte ein ähnliches Schlüsselerlebnis und habe dadurch sehr große Motivation entwickelt, dass ich dem entkomme. Denn ich will da sein. Ich will ich sein und ich will mich erleben. In mir und im Außen.
      Deine Beschreibung erinnert mich an das, was ich manchmal tue. Ich nehme meine Gedanken sehr bewusst war und wenn man einmal anfängt, ist es manchmal wie ein Schneeballeffekt, kennst Du vielleicht.
      Hinzu kamen bei mir eine Art kleine „Tests“, oder so fühlte es sich zu Beginn an. Dinge wie: meine Meinung sagen, etwas zu fragen, zu äußern, was vielleicht schockiert, wo ich vielleicht anecke, wo ich vielleicht andere erstaune. Klingt komisch, aber so war es zu Beginn. Und es tat total gut. Bis es sich nicht mehr wie kleine Tests, sondern irgendwie wie ich anfühlte. Nächster Schneeballeffekt 😊.
      Ich erkenne mich so deutlich in Deinen Texten. Gerade den Teil mit der Wahrnehmung und dieser extrem ausgeprägte sensible, empathische Teil. Genau mit dem scheine ich auch den Tag über verbunden zu sein. Dieses versuchen ALLES wahrzunehmen, um auf alles gut reagieren zu können. Alles und jeden und jede Reaktion, die in unmittelbarer Nähe stattfindet. Das betreibe ich auch immer noch täglich.
      Ich merke das nach wie vor in jedem Augenblick. Manchmal ist es ein Fluch und manchmal ein Segen. Ich hatte Zeiten, da wollte ich diesen Teil loswerden. Weil es schien als strengt er mich zu sehr an. Als halte ich das nicht aus und verbinde damit puren Stress.
      Mittlerweile mache ich manchmal das Gedankenexperiment: Angenommen da würde jetzt eine Fee kommen und Dir anbieten, dass sie Dir diese Eigenschaft, dieses Verhalten, dieses Lebensmodell komplett „wegzaubern“ würde. Was würdest Du tun? Dann merke ich: Nein. Das würde ich nicht wollen. Was ich will ist, es an den richtigen Stellen zu nutzen.
      „Meine Bedürfnisse haben Vorrang“ – ganz genau. Ich will versuchen mich dafür auch nicht mehr zu rechtfertigen. Häufig musste ich in letzter Zeit erst mal bewusst erkennen: STOP. Was ist überhaupt mein Bedürfnis? Bevor ich mich gleich an die Ausfüllung derer machte, die ich gerade dachte um mich herum aufzuschnappen, zu spüren.

      Danke Dir, der Austausch ist super.

      Herzliche Grüße und alles Liebe😊

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