Meine Logistik im Kopf – von meiner Akkulaufzeit

Liebes Tagebuch,

Ständig und überall sind wir auf der Suche nach der nächsten Steckdose. Wir werden nervös, schalten den Flugmodus ein und aus und kalkulieren wie wir am besten welche App benutzen, um den kostbaren Strom unseres Smartphones so lange es geht zu erhalten, wenn wir in dieser Schrecksekunde bemerkten, dass wir auf der dreistündigen Zugfahrt das Aufladekabel vergessen haben. Wir kriegen Schweißausbrüche, wenn unser Notebook nur noch 23 Prozent Akkuladung anzeigt, wir aber ohne Netzteil in der Bibliothek bei der Gruppenarbeit sitzen.

Und wo haben wir jetzt nochmal das Netzteil für uns liegen lassen?

Wenn ich gute Filme sehe oder spannende Bücher lese, dann bemerke ich das an einer bestimmten Sache. Ich muss den Stoff innerlich verarbeiten. Das kann sich manchmal hinziehen. Es kann mir passieren, dass ich die Tage nach diesem Input innerlich noch am verarbeiten bin. Ich gehe meinem Alltag nach, sitze in der Vorlesung, quatsche mit einer Freundin, beteilige mich an einer Teamsitzung auf der Arbeit und innerlich bin ich am Nachbearbeiten.

Neulich habe ich – ja, ich weiß, alter Film, aber ich kam bisher nicht dazu- „Fight Club“ gesehen und habe noch zwei Wochen danach gedanklich daran geknabbert. Ich zerlege die Szenen und Dialoge und versuche sie einzuordnen und für mich zu verarbeiten. Genau das lösen übrigens auch richtig gute Gespräche in mir aus. Teilweise habe ich dann Ohrwürmer bestimmter Szenen und hole sie in der Straßenbahn, auf dem Fahrrad oder im Supermarkt nebenbei mal eben hoch und beschäftige mich erneut mit ihnen.

Irgendwann stellte ich mir die Frage: Wie groß ist meine begrenzte Kapazität um mir Gedanken zu machen? Was zieht das Nachbereiten von allem und jedem mir noch davon ab? Leidet etwas anderes darunter?

Erst einmal tat es mir so gut, dass ich das erkannte, denn damit konnte ich beginnen mein Leben besser zu planen. Denn ich wusste: Situationen, Tätigkeiten, Treffen, die Nutzung und der Kontakt zu Medien und Menschen, alle bekamen von mir nicht nur die tatsächliche Aufmerksamkeit und Zeit, des direkten gegenüber Sitzens, die Zeit und Energie, die es braucht, anwesend zu sein. Nein, für mich bedeutet jedes Treffen, jedes Gespräch, ja, jedes Buch, jeder Film, jedes Telefonat, Zeit, Aufmerksamkeit und damit verbundene Energie im Anschluss. Das zu wissen, ist Fluch und Segen zugleich. Das zu erkennen, ein Segen. Denn damit konnte ich mein Leben die letzten Monate viel besser planen und auch einen Teil meiner Unsicherheiten in den Griff bekommen. Seither nehme ich meine eigenen Logistik-Prozesse genauer unter die Lupe. Von meiner inneren Wareneingangskontrolle, über die Produktion, das Nachjustieren bis hin zum Ausgang. Durch diesen Vorgang bekam mein Leben, subjektiv betrachtet, eine viel effektivere Logistik.

Am Anfang fühlte es sich an wie puzzlen und nach und nach wie effektiveres Planen meiner Termine. Vor allem seit ich mir bewusst machte: Meinen Energieverbrauch muss ich nicht mit dem der anderen Menschen vergleichen. Und rechtfertigen schon gar nicht. Selbst wenn meine Akkulaufzeit nur noch 17 Prozent anzeigt und auch nicht, wenn andere sich fragen wieso.

10 Kommentare

  • ballblog

    Das ist doch okay, wenn Du da gedanklich die Replay- Taste drückst für manche Szenen – und sicherlich auch für Erlebnisse, Gespräche, etc. In etwa ist es so, wie wenn man sich einen guten Film anschaut und beim zweiten oder dritten Mal noch neue Details entdeckt.

    • Jana Pimienta

      Hey Du, ja, genauso fühlt es sich an. Lange dachte ich, dass mit mir etwas nicht stimmt und ich zu sensibel bin. Jetzt ist es entspannter.
      Du beschreibst es total gut, da fällt mir auf, dass das noch ein weiterer Vorteil ist – man erkennt immer mehr Details 🙂
      Herzliche Grüße
      Jana

      • ballblog

        Danke. – Details zu sehen, zeigt ja auch eine gewisse Aufmerksamkeit für die Dinge. Ich finde, das ist eine Qualität. „Zu sensibel“, finde ich, gibt es eigentlich kaum. Vor allem, wenn ich „sensibel“ ersetze durch „aufmerksam“, „empathisch“, „nachdenklich“.
        Herzliche Grüße,
        Heinz

        • Jana Pimienta

          Lieber Heinz,
          das ist so wertvoll, wenn man dran erinnert wird, dass man gerade wieder bewertet. Ich möchte diese Fähigkeiten gar nicht unbedingt auflösen aber hinterfragen ob ich sie ständig und zu jeder Zeit nutzen möchte. Vielleicht kann ich sie wirklich für mich vorteilhafter „einteilen“.
          Erkennst Du diese auch in Dir?

          Herzliche Grüße
          Jana

          • ballblog

            Liebe Jana,
            dieses Erinnern ist dann jetzt so nebenbei erausgekommen, das war gar nicht meine Absicht, als ich es schrieb.
            Ich denke, herauszufinden, wann es sich lohnt Deine Fähigkeiten einzusetzen ist eben das, was man unter „Leben(serfahrungen)“ versteht. Und eine Form von Wertung ist eigentlich fast alles, wenn Du es ganz philosophisch betrachten möchtest. Letztlich auch jede Form vom Sym- oder Antipathie. Aber genau die Summe dieser Dinge macht Dich, liebe Jana, zum Individuum.
            Herzliche Grüße,
            Heinz

  • Rainer Großmann

    Servus,

    mir ging es bei der ständigen Analysiererei der Dinge, die man wahrnimmt irgendwann so, dass ich vor lauter analysieren und metaphysisch durchleuchten an den Rand der physischen Belastbareit kam. Ich vertiefte dann den Weg der Entspannung und habe somit diesen Erkennungsvorgang, der automatisch in jedem abläuft, auf eine höhere, oder tiefere Ebene gebracht, so dass es leichter vonstatten geht. Es raubt mir nicht mehr so viel bis kaum mehr Energie von der physischen, oder teilphysischen Ebene. Das Gefühl des Zerrissenwerdens ist weg.

    Hier ist die Tiefenentspannung, die man auch unterwegs für kurze Zeit machen kann, ein sehr gutes Mittel. Und die Gelassenheit, nicht immer alles verstandesmäßig aktiv analysieren zu wollen. Es kommt vieles auch passiv von selber. Man muss nur warten können. Aktiv und passiv sein, Yin und Yang.

    Ein schönes Buch ist „Das Buch der 5 Ringe“ von Myamoto Musashi.

    Es heilt
    Rainer

  • Jeraph

    Hi, ja das ist eine wichtige Erkenntnis, zu der ich auch erstmal kommen musste. Das bedeutet auch, sich Gedanken zu machen, mit welchen Menschen will ich mich umgeben? Wie viel nacharbeiten bedeutet das, und ist dieses Nacharbeiten produktiv und gesund, wie nach einem guten Gespräch oder ist es eher ärgerlich und nagt an mir. Das ist ja auch irgendwie ein Teil dieser Erkenntnis, auch wenn sie nicht so positiv rauskommt wie dein Text. Dennoch hieß es für mich auch, dass ich meinen Akku nicht komplett leer laufen lassen durfte. All das gehört ja auch zum Logistik-Prozess. Diese Erkenntnisse halfen mir aber dann auch mich wichtig zu nehmen, und meine Energie dann so zu planen, das es MIR gut geht. Und das passt dann wieder zu deinem Ende, das wir uns nicht rechtfertigen oder vergleichen müssen, denn wir sind nun mal wir ;-)!

    • Jana Pimienta

      Hallo,
      Ja, ich finde es echt spannend zu sehen, wie und wann man dazu erst mal kommt, dass man diese Muster, die sich so selbstverständlich anfühlen, erst mal hinterfragt und diese dann teilweise auch tatsächlich für sich ändert. Vor ein paar Jahren, hätte ich das nicht getan. Da wäre mir der Wunsch angepasst zu sein größer gewesen. Am besten daran gefällt es mir, wenn ich nicht nur für mich Entlastung oder Entspannung spüre, durch diese Veränderungen (was natürlich als Anreiz, meiner Meinung nach, immer Priorität haben sollte) sondern auch dadurch einen Effekt auf meine Umwelt spüre. Beispielsweise bin ich damit dann viel effektiver im Job und profitiere viel mehr von den Dingen, denen ich in meiner Freizeit nachgehe. Das ist so cool.
      Du hast so Recht, die Frage mit wem man sich umgibt kommt im nächsten Schritt fast automatisch mit, wer passt zur eigenen Logistik, weil er diese Art auch lebt, wer passt, weil er Verständnis hat oder auch wer passt, weil seine eigene Logistik meiner nichts nimmt und umgekehrt. 🙂
      Wie füllst Du Deinen Akku? Bei mir sind es mittlerweile „einfache Dinge“ wie die Erkenntnis, ich brauche morgens eine Zeit für mich und stelle mir den Wecker, um einfach Zeit zu haben, anstatt kurz vor knapp, um lange zu schlafen. Bin auch da überall am „Basteln“. Ja, wir sind wir. 🙂
      Herzliche Grüße
      Jana

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