Meine Projektionsfläche – Tinder und Co.

Liebes Tagebuch,

wo landet eigentlich diese ganze Energie, die durch die Vorstellungen, die Fantasien, das Reininterpretieren und die Projektionen entstehen, während man sich mit einem Profil beschäftigt? Auch die, die am Anfang einer Beziehung entstehen? Gibt es dafür eine Müllkippe in einem Paralleluniversum? Besser noch eine Recycling-Anlage um an anderer Stelle von ihr zu profitieren?

Ich hatte immer schon ein komisches Gefühl bei Dating-Apps. Manche beschrieben mir das was man da betreibt als „Marktwert-Testen“. Ich verstand auch das nicht so richtig. Mir kommt es so vor, als testet man in erster Linie den virtuellen Marktwert. Nicht mal wirklich. Man testet in erster Linie den Marktwert seines Profilbilds und regt damit Fantasien von Menschen an. Man schafft als allererstes eine Projektionsfläche, in die man was reininterpretieren kann. Man testet also vielleicht den Marktwert einer Projektionsfläche und vielleicht die entstehenden Möglichkeiten dadurch.

Testet man den Marktwert von dem, was man nach außen hin gerne darstellen würde? Oder von dem, wo man meint, dass man es darstellen sollte, um möglichst gute Projektionsflächen für andere und somit nette Gelegenheiten gestalten zu können? Ok, vielleicht sehe ich es einfach falsch und man nutzt Tinder eben als Eintritt für etwas anderes. In das potentielle „Mehr“. Wie man es ja auch macht, wenn man aufgestylt, mit dem übertriebenen Lächeln, dem Push-Up-BH, dem Oberteil, das an den genau richtigen Stellen eng und an den genau richtigen Stellen etwas weiter ausfällt, beim ersten Date auftaucht. Aber wenn wir das brauchen, ist es doch schon irgendwie nur noch halb so lustig, oder?

Für mich war immer ganz klar: Nutze ich diese Apps, dann wollte ich so viel Hin-und Her-Schreiben und Smalltalk vorab vermeiden, wie nur möglich. Ich wollte so schnell wie möglich den anderen „in echt“ erleben. Bis ich mir irgendwann eingestehen musste: vor allem wollte ich, dass er mich erlebt. Ich wollte keinen Tag zu lange durch meine Fotos und ausgetauschten Nachrichten die Projektionsfläche für den anderen sein. Für diese glorifizierte Version, die derjenige in diese, meine dargebotene Fläche hinein interpretiert. Alleine der Gedanke machte mich wahnsinnig.

Und letztendlich war es wieder die Angst nicht gesehen zu werden. Die Angst mit jedem weiteren Kompliment über diesen Weg mein Nicht-Ich zu loben. Es anzufüttern. Damit es sich rundum wohlfühlt. Sich weiter einrichtet. Die Angst davor im realen Leben nicht gesehen zu werden. Für das, was ich gerne wäre, ohne darüber nachdenken zu müssen und es dadurch schon zu verfälschen. Damit auch die Angst davor, ein Mann könnte mir Komplimente machen für etwas, was aus Anpassung entstanden ist. Nicht für mich. Eigentlich ist es genau dasselbe wie das Profil auf einer Dating-App. Ich verstelle mich, passe mich an und habe dann das Gefühl Applaus und Aufmerksamkeit dafür zu bekommen.

Somit hatte kaum ein Kerl je eine wirkliche Chance. Deshalb konnte oft auch kein Liebesbeweis und kein Kompliment mir jemals das geben was ich suchte. Denn letztendlich waren es meistens Komplimente für das, was ich darstellte. Das was andere in ihrem Instagram Feed aufbauen, baute ich in echt auf. Und wunderte mich dann, warum mir die Komplimente nicht das geben konnten, was ich von ihnen erwartete. Wunderte mich über diesen enorm bitteren Beigeschmack, den sie jedes Mal hinterließen.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: