Mich kann man nicht komprimieren

Liebes Tagebuch,

Mich kann man nicht auf den Punkt bringen. Ich selbst kann mich ja schon nicht auf den Punkt bringen. Ich habe Angst, dass Du das gerne würdest.

Ich lese so gerne Bücher. Manche von ihnen brauchen sehr viel Zeit. Um den Inhalt in allen Facetten erfassen zu können. Für das Aufnehmen der expliziten Informationen und für das, was ich daraus machen möchte. Zeit, um meine Interpretationen entstehen zu lassen. Damit ich Raum für Fragen und Überlegungen entstehen lassen kann, vor allem oder gerade aus dem Teil zwischen den Zeilen. Ich möchte deren Wirkung fühlen und deren Möglichkeiten für mich erfassen.

Dann gibt es da draußen diese schnellen Kicks und Impulse. Dieses schnell verfügbare Input und diese rasend schnelle Informationsbeschaffung. Diese Reizzufuhr in jeder Sekunde. Deren Verarbeitung gönnen wir manchmal nicht mal die Hälfte der Zeit. Du magst das. Du suchst stets nach Zusammenfassungen, um Dir Aufwand zu ersparen. Gedankenaufwand und Zeitaufwand. Die Tagesschau in 100 Sekunden. Dinge schnell abtippen können. Auch Dein Studium nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Du kamst schon auf die Idee, dass man nicht zu allen Vorlesungen gehen müsse, sondern sich aufteilen könne, um dann hinterher die Zusammenfassung zusammen zu tragen. Dass diese Zusammenfassung für Dich reichen könne.

Du magst Trailer. Diese zusammengepressten Filme. Manchmal sind alle herausragenden und bedeutsamen Szenen zusammengeschnitten. Der Film zusammengepresst auf ein paar Minuten. Ich mag sie nicht. Ein anderes Mal überlegtest Du Dir, dass Du gerne mehr Bücher lesen würdest, es aber so viel Zeit kosten würde. Dass Du Dir gerne an trainieren würdest Bücher schneller zu lesen. Den Inhalt in einem kürzeren Zeitraum zu erfassen. Ich hörte nun von Blinkest*. Eine App, die Dir die Zusammenfassung von Büchern präsentiert. So musst Du sie nicht mehr komplett lesen, um an deren Kernaussage zu kommen. Ich glaube, die könnte Dir gefallen. Mir läuft plötzlich einer dieser Schauer über den Rücken. Einer dieser Sorte, die mir zeigen, dass mir irgendwas Angst macht und nicht gefällt. Einer von denen, die mir zeigen, meine Gedanken deuten etwas als Bedrohung für mich.

Mich kennen zu lernen, mich zu lesen und nur etwas davon zu verstehen ist in kurzer Zeit unmöglich. Meine Inhalte gibt es nicht zusammengefasst, meine Daten nicht komprimiert. In der Form kann ich sie Dir nicht überreichen. Einen Zugang zu meinem wahrhaftiges Ich gibt es für Dich nicht über den Weg des geringsten Widerstandes. Mit geringem Aufwand. Mich kann man nicht auf den Punkt bringen.

Du bist auf der Suche nach all den Zugängen, die Dir all die Aspekte Deines Lebens für Dich auf die kleinstmögliche Version, auf den wesentlichen Inhalt zusammengefasst, ermöglichen. Du willst es Dir vereinfachen. Dir Deine Lebenszeit sparen.

Aber mich kann man nicht auf den Punkt bringen. Ich kann mich für Dich nicht komprimieren.

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