Meine Wahrheit – Will ich belogen werden?

Liebes Tagebuch,

ganz klar ist, man kann sich über die Definition zu „Wahrheit“ streiten und auch darüber, ob man überhaupt jemals in den Zustand kommt, überall Wahrheit zu erleben. Meine Gedanken hierzu sind theoretisch. Mit der „Wahrheit“ im Folgenden, meine ich das „Wahrheit-Konstrukt“ der anderen, die in dem Moment nicht mit meiner aufgebaute Wahrheit übereinstimmt.

Will ich belogen werden?

An manchen Tagen denke ich: Sagt mir bitte alles, ich will lernen alles zu erleben. Ich will alles wissen. An unsicheren Tagen will ich mir ein Schild umhängen mit der Aufschrift: „Bitte schont mich heute, auch wenn das heißt, dass ihr mich belügt, ich bin heute zu unsicher um mit allem klar zu kommen.“

Soll ich nun immer hin und her springen, aus der Laune und meiner derzeitigen Stabilität heraus, wie viel Wahrheit ich an diesem Tag verkrafte? Ich habe in letzter Zeit gelernt, dass Entscheidungen wichtig sind, um weiter zu kommen. Ich möchte mich nicht dauernd wieder mit den gleichen Fragen befassen müssen.

Ein Teil von mir sagt: auf keinen Fall. Ich möchte immer und überall die Wahrheit erfahren.

Ich glaube, dass mir durch Nicht-Wahrheit Wachstumschancen genommen werden.

Dass ich dann am Ende des Tages oder des Lebens nicht die Möglichkeit hatte das Leben zu erleben, was sich ergibt durch mich und das erfahren aller Dimensionen und Ebenen der Verarbeitung der Reize, die es im Außen gibt. So sieht meine Theorie aus. So, wie es in letzter Zeit aussieht, auch mein Wunsch.

Die Praxis sieht anders aus.

Denn ich kann eines mit Gewissheit sagen, aus meiner jetzigen Persönlichkeit heraus: Ich bin mir nicht sicher, ob ich die ganze Wahrheit verkraften würde. Ich bin mir sogar teilweise sicher, dass ich es definitiv nicht tun würde.

Was heißt das aber am Ende? Dass ich schwach bin, weil ich die Wahrheit nicht verkrafte? Oder dass ich stark bin, weil ich das erkenne und ich mir so die Welt „machen kann, wie sie mir gefällt“?

Wenn ich nun nochmal zu meiner Theorie springe, dann beinhaltet sie vielleicht Stärke. Nur eben nicht als Ist-Zustand, sondern als Ergebnis, wenn ich mit der kompletten Wahrheit konfrontiert werde. Ohne das, stirbt nun mal eben die Wachstumschance.

Womit geht es mir am Ende besser? Wenn ich mir eingestehe, dass ich die Wahrheit nicht verkrafte und sie deshalb in diesen Teilen ignoriere und mein Leben aus dem, was dann noch da ist, kreiere oder wenn ich die komplette Wahrheit kennenlerne, immer und überall und mich dann jedes Mal auch allem stelle, wo ich denke, ich verkrafte es nicht?

Welches gestaltete Leben ist am Ende „besser“ für mich?

Zusammenfassend ergibt sich hier die Frage: will ich die authentischen Reaktionen/ Gedanken der anderen, will ich deren Wahrheit hören oder das, was mein Wahrheit-Konstrukt aufgebaut hält, weil es meinen Wünschen angepasst ist?

Rein emotional entschieden, denkt ein Teil von mir, dass es mir besser geht und ich von den Möglichkeiten profitieren würde, wenn ich die komplette Wahrheit erlebe und mich mit allen unangenehmen Themen, die mich jetzt darauf schließen lassen, dass ich sie nicht verkrafte, auseinandersetzen würde. Allerdings nur gemessen daran, dass sich diese Themen demnach irgendwann aufgelöst habe und im Idealfall irgendwann keine mehr da sind.

Was mich abhält ist eben der Gedanken, dass ich das nie erreichen werde. Dass ich mich, mit der Entscheidung mit der kompletten Wahrheit zu leben, dazu bereit erkläre aufzuarbeiten und es wird kein Ende nehmen und ich werde in der Summe am Ende mehr gelitten haben.

Wie kann ich mir selbst garantieren, dass ich das hinkriege? Mir selbst dabei helfen? Welches Werkzeug brauche ich noch in meinem Werkzeugkoffer außer: Geduld, Aussicht auf Auflösung von negativen Gefühlen und Bewusst-machen dieser?

2 Kommentare

  • miesvandenbergh

    Wahrheit ist relativ, immer und überall. Auch für Dich. Und für mich. Ich kann zu einem beliebigen Thema einen Fakt kennen. Oder 2. Oder 3. Oder 100. Dann höre ich eine Meinung. Oder 2. Oder … Du weißt schon. Dann, wenn ich gut bin, kann ich einen Standpunkt einnehmen. Wenn ich besser bin, sogar 2. Du ahnst bestimmt, was kommt…. genau, viele Standpunkte. Und am Ende? Du verortest die Wahrheit unter Berücksichtigung der Dir zugrundeliegenden Informationen. Wie gut können sie sein, das heißt, wie vollständig können sie sein und auf welche Erfahrungen treffen sie bei Dir? Wie Du sehr treffend sagtest, DIE Wahrheit begegnet Deinen Wahrheiten. Was Du draus machst, liegt in Deinem Horizont.
    lg Olaf… und jetzt gehe ich Pflanzen schneiden…. 😊

  • Anonymous

    Hallöchen,
    … Ich kann mich noch gut an meine Zeit erinnern, in der ich jede „Wahrheit“ hören wollte. Da war ich allerdings ein gutes Stück hinter dir! Deine ersten Sätze, sind die, die ich schmerzlich lernen musste. Viele „Wahrheiten“, mit denen ich mich auseinander setzte, waren nämlich keine! Im Nachhinein will ich die Warheiten nicht mehr unbedingt hören. Vielmehr sehe ich sie, damit musste ich allerdings ungehen lernen, denn es macht vielen Menschen Angst.

    Ich denke immer die Wahrheit hören wollen ist deshalb schwer, weil die Menschen nicht mehr ordentliche reflektieren, woher sollen sie dann wissen, was ihre Wahrheit ist?!? Sie sprudeln iwas raus, und das oft eben nicht, weil es ihre Wahrheit ist, sondern aus den verscgiedensten Gründen, (Selbstbild, Schutz, Angst, aber auch Intrigen und das Wissen darum das DU es für die Wahrheit hälst und damit arbeitest) sie sind nicht unbedingt schlecht, aber oft unwissend und ängstlich.

    Deshalb würde ich mir damals und dir auch raten: Lerne zu erkennen was die Warheit desjenigen ist. Worte sind oft Schall und Rauch, aber wenn du das Wesen dahinter siehst hast du etwas weniger gefärbtes. (Alleine Wahrnehmung, ein Stück meiner Wahrheit für dich😉) das hat auch den Vorteil, dass dich manche Worte nicht mehr so tief treffen, denn es beugt Selbstzweifeln vor, denn es liegt viel Wahres darin, zu erkennen, dass das was Menschen sagen zu 90% einen Grund in Ihnen hat. Sie leben nun mal alle in IHRER Welt. 😇

    Ich wünsche dir einen schönen Tag
    Liebe Grüße
    Jeraph

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