Denk dran, keiner will anstrengende Frauen

Ich war an diesem Tag mal wieder innerlich am Verzweifeln und beschloss meinem Freund von meinen Ängsten zu erzählen. Ja, von allen.

“Das kannst Du nicht bringen!“, meinte L., als ich ihr von meinem Vorhaben erzählte. Ach stimmt ja, da war ja was. Ich hatte wohl gerade vergessen, dass ich meinen Freund doch nicht verschrecken darf. Dieser hässliche Glaubenssatz, der irgendwie tief in mir wohnte. Von dieser Welt, in der Männer unter keinen Umständen überfordert werden sollten. In der Frauen nicht zu kompliziert sein sollten und wenn doch, das bitte gut verstecken zu wissen. In dieser Pärchen-Welt würde mein Vorhaben wie eine Bombe einschlagen und alles zerstören.
Dieser Glaubenssatz, der mir immer wieder von überall entgegen sprang. In welchem wir uns unter Frauen sogar bestärken, und ich rede hier nicht von der Bestärkung durch die verschiedenen angelernten Auffassungen der Frauen verschiedener Generationen, nein, auch alleine unter meinen gleichaltrigen Freundinnen tauchte er immer noch immer wieder auf. Was mir zeigt, wie präsent dieses Denkmuster nach wie vor ist.

Diese Stimme, die mich immer wieder daran erinnert: „Pass auf was Du machst, überfordere ihn nicht!“ und: „Denk dran, dass Du Dich zusammenreißt!“. Diese Welt, in der Frauen immer daran denken sollten „ihr“ Drama runter zu schlucken und nicht vergessen dürfen, die Coole vor ihm zu spielen. Um ja nichts von der anstrengenden Seite zu zeigen. Oh ja, das durfte ich auf keinen Fall vergessen.

Aber irgendwas war es an diesem besagten Tag anders und nicht mehr ganz so fest verankert.

Lag es nun zuvor an meinem mangelnden Selbstbewusstsein, dass ich dachte, ich muss mich dosiert abgeben und aufpassen den anderen nicht zu überfordern oder lag es an den Frauen in meiner Familie und deren Männererfahrungen? Oder an meinen eigenen Beziehungen? Woher kam bloß diese Angst, die Männer zu überfordern? Ich habe das Gefühl es ist eine Mischung aus der Vorgeschichte der Frauen generell mit der persönlichen Vorgeschichte der Frauen in meiner Familie plus eigenen Erfahrungen mit Männern, wahrscheinlich auch falsch interpretierte Erfahrungen, mit einer großen Portion Angst vor Ablehnung.

Dieses Denken machte mich so was von klein und wertlos. Mir tut der Gedanke so weh, dass ich nicht einmal auf die Idee kam, dass es sich einfach um die Unterschiede zwischen Männern und Frauen handeln könnte, die uns mal zu tiefem Unverständnis und mal zu wunderschöner Faszination führen können. Dieser ekelhafte, herabsetzende Glaubenssatz. Durch ihn schnitt ich mir so viele Teile von mir ab. Ich nahm mir meine größten Eigenschaften weg. Versuchte sie zu vernichten oder zumindest so klein wie möglich zu halten.

Ich bemerkte an diesem Tag, dass mir diese Auffassung aber irgendwie nicht mehr schmeckte, weil das erstens hieße, vor Männern niemals wirklich Ich sein zu können und zweitens, dass ich mich selbst total herabsetze und die ganze Frauenwelt gleich mit.

Es war ein langer Prozess, in dem ich mich ernsthaft meinen Ängsten und damit mit folgenden Fragen auseinandersetzen musste, abhängig von dem Selbstwertgefühl, was ich in dieser Zeit hatte. Muss ich einen Mann „schonen“ um ihn zu „halten“? Werde ich, wenn ich mich filtere und ihn schone je diese Beziehung haben, die ich haben möchte? Was passiert, wenn ich mich nicht mehr filtere? Und irgendwann kam die alles entscheidende Frage, bei der ich jetzt lächeln muss, weil die irgendwie der Beweis für den Ursprung von etwas mehr Selbstbewusstsein war und mich ein bisschen aus dieser negativen Bewertung herausholte. Ich wagte mich zwischen drin auch mal zu fragen: Bin ich zu kompliziert und damit zu fordernd oder sind die Männer zu schwach?

Das Problem war dann dabei, was wiederum meine Angst erst nochmal weiter befeuerte: Sicherheit hätte ich dadurch erst mal wieder nicht, denn aus dem Beziehungsmaterial-Aspekt können die Männer heute ja guten Gewissens schwach sein, denn es gäbe ja genügend Frauen da draußen, die diese Männer nicht auf mein Weise fordern würden und demnach subjektiv betrachtet „besser passen“ könnten. Damit setzte ich mich also erst mal wieder herab.

Einen nächsten Stein legte ich mir in den Weg, als mir die Idee kam, dass dieser „die Männer nicht überfordern wollen“-Drang daher kommen könnte, dass ich mich selbst manchmal zu anstrengend finde. Es gab also die Momente (und die gibt es jetzt noch manchmal), in denen könnte ich so einfach ein Verbündeter der Männer sein, weil ich dann denke: Ja, ich sollte echt weniger anstrengend sein… Ich erkannte, dass ich mich bewertete und die Männer gleich mit.

Aber dann rufe ich mir wieder in den Kopf: was wäre das für eine Welt, wenn ich mich dosieren müsste, um eine Partnerschaft zu führen? Das ist doch dann genau das, was ich nicht leben will. Dann bin ich ja wieder nicht ich. Was wäre das für eine Beziehung, wenn ich nicht ich sein könnte, weil das Ich-sein bedeuten würde, dass ich ihn verschrecke oder es ihm zu anstrengend werden könnte? Ich will doch keine Beziehung darauf aufbauen, dass ich mich dosieren muss. Dann hieße es ja, dass es Beziehung für mein „wahres Ich“ nicht gäbe. Nur für mein gefiltertes Ich. Dann würden ja überall Beziehungen eingegangen werden, die dafür da sind, dass die gefilterten Endprodukte beider Seiten zusammen sind. Wenn beide denken, das „wahre Ich“ würde der andere nicht mitmachen.

Es war ein langer Prozess und er begann an diesem Tag in meinem Kopf. Ich wollte mich nie mehr so herabsetzen. Ich will mich nie mehr so herabsetzen. Ich begann mich groß zu machen und damit die Frauenwelt gleich mit.

Ich erzählte meinem Freund von meinen Ängsten. Er kam extra aus seiner Stadt zu mir gefahren, um mit mir meine Zweifel persönlich durch zu gehen. Jeden einzelnen.

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