Meine Erwartungsbrille Teil 1

Liebes Tagebuch,

mir ist was Krasses aufgefallen. Und das wird nun erst mal wehtun. Eigentlich tut es das schon eine ganze Weile und ich kann diesen komischen Schmerz erst jetzt benennen. Wir beide kennen uns nun bald zwei Jahre. Wir sind ein Paar. Offiziell sind wir zusammen. Aber wenn ich mal komplett ehrlich zu mir bin, sind wir das bisher nicht gewesen. Ich bin zusammen gewesen mit dem Du, das ich gerne hätte und in Dich rein interpretierte. Ich führte eine Beziehung mit Deinem von mir glorifizierten Ich. Mit der Version, die ich gerne hätte. Mit der Version, die meinen Vorstellungen und Erwartungen entspricht oder eben – um mich selbst zu täuschen – mit der Version, die es irgendwann tun wird.

Mir wird gerade bewusst. Ich bin nicht mit Dir zusammen.

Ich fühle mich gerade, als nahm ich uns damit einfach alles. Nein, anders, es konnte gar nichts da entstehen, wo ich es eigentlich wollte. Mir fällt auf, ich hatte bisher noch gar keine Chance an Dich ran zu kommen. Dich kennenzulernen. Ich nahm mir komplett die Chance mit DIR eine Beziehung zu führen. Dem Du, was da ist, wenn ich meine Erwartungsbrille absetze.

Ich habe sie durchgehend an. Ja, ehrlich. Das Brillenetui, dass ich bei mir trage ist quasi nutzlos, denn ich legte sie nie hinein.

Wow, an dem Punkt war ich noch nie. Wenn ich mal mit jemandem auch nur in die Nähe dieses Punktes kam, wurde die Situation, einfach meinem damaligen Blick geschuldet, für mich eingestuft als: ok, passt halt nicht. Wenn man es so nimmt, habe ich noch nie jemanden geliebt. Wenn Liebe dabei gewesen sein könnte, dann alleine für meine Vorstellungen von diesen Kerlen. Meine bedürfnisorientierte Version von ihnen. Angepasst an meine Erwartungen und Bedingungen.

Und dieses Mal möchte ich nicht weglaufen. Ich will keinen Tag mehr verschwenden.

An den Erwartungsblick habe ich mich nun mein Leben lang gewöhnt. Also wird das dauern. Es wird dauern und weh tun. Bestimmt ähnlich wie das Licht, was ich nur schwer aushalte, wenn ich meine Sonnenbrille, nach einer Weile des Tragens, wieder absetze. Ich weiß nicht wie lange ich für diesen Wandel brauchen werde und ich kann nur erahnen wie erfüllend und zeitgleich unheimlich erleichternd die Welt für mich aussehen wird, wenn ich irgendwann daran gewöhnt bin, diese verdammte Erwartungsbrille endlich abzuziehen. Ich werde es üben. Immer wieder. Mich immer wieder daran erinnern sie weg zu legen. Bis ich ich mich an die veränderte Sicht gewöhnt habe und sie gar nicht mehr bei mir trage.

Ich bin gerade voller Neugierde darauf zu erfahren wie Du ohne sie aussehen wirst und irgendwie freue ich mich gerade über diese Chance, diese Erfahrung mit diesem Du an meiner Seite. Ich bin auch so gespannt uns beide zusammen anzuschauen, ohne diese Brille.

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